Das Bandonion
Text Heiko Guter

 

Das einst schrammelige Quetschkastl, das Bandonion, hat die sinfonischen Orchester als Soloinstrument erobert. Mehr und mehr sind es Solistinnen mit der ersten Stimme. Dabei beruft es sich nicht auf seine Tradition als Volksmusikinstrument, vielmehr ist es Kunstobjekt geworden. Und dies in mehrfacher Hinsicht, zum einen die enorme Herausforderung an die Spieler aufgrund der verqueren Tonanordnung und zum anderen an die Instrumentenbauer, die die spezifische Klangmodulation und Tonansprache für den Tango und zur Differenzierung zum “schwebenden” Akkordeon entwickeln müssen.

         Euphonie & Depression
In den Duden wird das Wort “Bandonion” erstmals 1929 aufgenommen, die spanische Schreibweise “Bandoneón” dann 1934. Obwohl der Namensgeber Heinrich Band* Krefelder war, der Ursprung des Bandonions liegt zwischen Chemnitz und Carlsfeld und ist eine Weiterentwicklung der sächsischen Concertina. Die Erfindung oder Konstruktion Band zuzuschreiben wäre nicht korrekt. Ebensowenig korrekt wäre es, Herrn Parker die Erfindung des Spiels Monopoly zuzuschreiben. Band regte als Anzeige H_Band_Konzertina UhligMusiklehrer und Instrumentenhändler an, die “56tönige Concertina”** des Chemnitzers Carl Friedrich Uhlig, welche schon in seinem Handelssortiment war, in ihrem Tonumfang zu erweitern.  Dabei blieb die alte Tonanordnung der Concertinas (Ton 0 bis 13) bis heute erhalten, die neuen Töne wurden “drumherum” angeordnet. Auch ist zu vermuten, dass Band die "Union-Harmonika" des Carlsfelder Instrumentenbauer Carl Friedrich Zimmermann (1817 - 1898) kannte. Die Namensgebung verliert sich daher in Spekulationen, ob aus “Band-Union” oder durch Verwendung der Endsilbe des Accordions schließlich Bandonion entstand. Es ging offensichtlich um die namentliche Abgrenzung und Verkaufsförderung, da die vorhandene Concertina, von "Heinr. Band & Comp." selbst "Accordion neuer Art" genannt wurde. An der grundlegenden Konstruktion veränderte Band nichts, er stimmte nach seinem Dafürhalten ein paar Töne um, und nannte dies "Rheinische Tonlage". Bei den wechseltönigen Bandonions setzten sich zwei Tonsysteme durch, das Einheitsbandonion (festgelegt ab 1924), welches nicht Bands Tonanordnung befolgt und in Argentinien das Bandoneón in genannter “Rheinischer Tonlage” nach Band. Strittig bleibt, ob die "Oktavstimmung" Band zuzuschreiben ist, denn diese ist Grundlage der Klangwirkung des scharfen, nicht schwebenden und heute weltweit begehrten AA 142 II/II (parallele Stahlzunge auf Zinkplatte). Die vielen Tüftler/Lehrer nach Band waren an dieser Klangdisposition allerdings nicht interessiert, im Gegenteil, mehrchörige registerschaltbare Ungetüme sollten das Non plus Ultra darstellen. Zur leichteren Erlernbarkeit wurde die Systematik des Knopfakkordeons präferiert und in "Gleichton" gestimmt. Hier zu nennen wären Julius Zademack, Ernst Kusserow, Heinz Schlegel, Charles Peguri, Olivier Manoury. Der logische Schluss ließe zu, deren Instrumente in “Pegurion” oder “Manouryon” usw. umzubenennen, wie es Band mit der Concertina tat. Gerhard_Birnstock_02

$_57_klDie Beliebtheit des Instrumentes, unabhängig der Tonanordnung wird offenbar, wenn man bedenkt, dass es in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland mehr Bandonionvereine als Fussballclubs gab. Schätzungen zufolge waren etwa 14.000 Spieler in Vereinen organisiert. Auf Fotos und Bildpostkarten aus dieser Zeit, fällt eines auf - es spielen nur Männer. Und sie spielten vor allem Heimatlieder, Operette, Walzer, Schlager, Shanties, Märsche. Mit den nationalromantischen Liedern zogen die Männer in zwei Weltkriege. Viele der Spieler kamen nicht zurück, das Instrument ward den Witwen Vermächtnis. Mit der Enteignung der Arnoldschen Bandonionfabrik in Carlsfeld 1948 verschwanden die Konstruktionsunterlagen und mit ihnen der Geist des Bandonions. Die ehemaligen ”Blosbalgnbauer” ****, nunmehr im “VEB Bandonionfabrik vorm. Alfred Arnold”, wussten in etwa noch “wos mer ner duhn misse” (was zu tun sei), um ein Bandonion zu fertigen, aber Materialbeschaffungsnot und geringe Nachfrage ließen die Produktion letztendlich 1964 unrentabel werden. Ein kulturelles Erbe des Abendlandes schien erloschen. Das Wettrennen Bandonion kontra Akkordeon hatte 1864 begonnen und endete nach hundert Jahren mit einem guten zweiten Platz für das Bandonion mit Produktionseinstellung.

*LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte Rheinland
** Bilddokumentation der Sammlung Oriwohl/Bln. durch H. Mattheß/DD
***Bild rechts; Tonbeispiel: Konzertina gespielt von Gerhard Birnstock (1921-2007) Crimmitschau/Sa. - Quelle Uni Würzburg)
**** Artikel “Du” Band 57/1997 Heft 11  “Das doppelte A” v. Rolf Lambert)
Auflistung aller Bandonionbauer auf bando-bando.de von Carsten Heveling